Der vierte Tag auf dem Camino

Ich hatte sehr gut im G√§stezimmer des Caf√©s und Konditorei G√∂rgen in Treis-Karden geschlafen. Fit f√ľr den weiteren Weg. Auch das Fr√ľhst√ľckbuffet war sehr ansprechend. Kein Wunder: Bei einer angebundenen Konditorei darf man was erwarten und so gab es unter dem frischen Geb√§ck auch frischen Plunder.

Anja kam dazu und wir liefen zusammen los. Es war ein sonniger Morgen und bei 18¬įC und einer frischen Brise ging es los.

√úber einen geschotterten Waldweg gelangten wir zur Marienburg. Die Aussicht war √ľberw√§ltigend, auch weil die Mosel hier eine Schleife macht. Wir holten uns den n√§chsten Pilgerstempel ab und lernten dabei auch gleich einen Vater mit seiner sportlichen Tochter, beide aus dem M√ľnsterland, kennen. Auf dem weiteren Weg liefen mal sie, mal wir vorne weg. Irgendwann beschlossen wir dann, gemeinsam zu gehen und so kamen wir zu viert in Zell an der Mosel an.

Dort fand ich endlich ein Geschäft, in dem ich eine Isomatte kaufen konnte. Nach der letzten gut geruhten Nacht hatte ich nun kein Problem mehr, die nächste Nacht möglicherweise wieder auf einem Campingplatz zu verbringen. Das zusätzliche Gewicht glich ich aus, indem ich ein paar Sachen einpackte und nach Hause schickte. Ein Schlafshirt? Brauchte ich noch nicht. Solarpanel? Schadet dem Akku eher, wie ich ja feststellen musste. Etwa 1,5 kg schickte ich per Paket nach Hause.

Als wir aus Zell wieder heraus waren, sollte einer der heftigsten Anstiege kommen. Der Weg begann unscheinbar zwischen zwei Glascontainern und verlangte sofort einiges von uns ab. Wir brauchten viel Kraft und Zeit, um den Waldweg bei enormer Luftfeuchtigkeit zu bew√§ltigen. Etwa 300 H√∂henmeter mussten auf 3 km bis zur Schutzh√ľtte „Sch√∂ne Aussicht“ √ľberwunden werden. Belohnt wurden wir mit einer √ľberw√§ltigenden Aussicht auf eine Moselschleife, die von bunten Weinfeldern ges√§umt wurde.

Die weitere Strecke ging durch W√§lder, war teils steil oder steinig. Wenige Male verpassten wir eine Abbiegung und mussten uns von meinem GPS leiten lassen. Zum Gl√ľck kamen wir immer wieder auf den richtigen Weg zur√ľck.

Den Bummkopf hatte ich irgendwie nicht wahrgenommen. Laut meinen GPS-Aufzeichnungen habe ich ihn aber passiert. Nun denn…

Vor Enkirch fanden wir einen Zwetschgenbaum und erfrischten uns mit dem reifen Obst, das er trug. Sehr lecker!

Ich wollte gerade einen nahenden Regenschauer filmen, da war er schon direkt √ľber uns. Schnell stellten wir uns unter einen Baum, taten die Regencapes √ľber und liefen weiter.¬† Wir beobachteten interessiert, wie die Wassermassen zwischen den Weinst√∂cken die Kanalisation erreichten, wo sie zu einem rei√üenden Strom gelenkt wurden. Enkirch hatte den satten Guss abbekommen, alles war noch tropfnass. Der Regen war nach wenigen Minuten schon vorbei und wich der warmen Sonne.

Wir gingen zur Tourist Info, um uns einen Pilgerstempel abzuholen. Wir wussten vom Pilgerf√ľhrer, dass nun ein weiterer steiler Anstieg kam und Anja entschied sich gegen die Gefahr, auf dem Anstieg auszurutschen oder mit glitschiger Oberfl√§che k√§mpfen zu m√ľssen und erkundigte sich nach einer Busverbindung.

Weil die supernette motivierte Mitarbeiterin so daf√ľr warb, den Aufstieg zu machen, weil die Aussicht besonders sei, entschied ich mich f√ľr die Fortsetzung. Etwas Kampfgeist spielte auch mit: Ich wollte unbedingt den ganzen beschilderten Weg gehen.

So verabschiedeten wir uns bei sch√∂nem Sonnenschein vor der Tourist Info und ich pilgerte alleine weiter. Es ging tats√§chlich schnell aufw√§rts – allerdings f√ľhrten mich asphaltierte Stra√üen durch steile, verwinkelte Gassen durch die H√§user. Es sah wieder einmal ziemlich „urig“ aus.

Schlie√ülich f√ľhrten die Wegweiser zu einem Pfad, der aus Erde, Steinen und Treppenstufen bestand. Er f√ľhrte zwischen den H√§usern aus der Stadt hinaus auf saftige gr√ľne Wiesen zu einer Schutzh√ľtte. In dieser waren Informationen √ľber einen Musik-Wanderweg angebracht, der an dieser H√ľtte vorbeif√ľhrte, und √ľber die weiteren Wege, die diesen Teil des Berges spannten. Ich lief weiter in Richtung Traben-Trarbach.

Unterwegs konnte ich immer wieder den Mosellauf verfolgen. Boote auf dem Wasser und Inseln, die den Fluss stellenweise teilten, brachten Abwechslung. Auf der anderen Seite säumten dichte Laubwälder die Landschaft und oben, auf dem Gipfel, konnte ich längliche Gebäude ausmachen. Vermutlich verarbeitende Betriebe.

An einer Liebesbank fand ich eine Blechdose. Ich öffnete sie und fand Liebeskarten darin. Sehr schön gemacht. Ich schloss die Dose wieder. Eine kleine Geste mit einer großen Wirkung. So eine kleine Dose macht den Ort noch einmal zu etwas Einmaligem.

Weiter ging es durch Wiesen, B√§ume behinderten die Sicht zur Mosel und es ging langsam wieder abw√§rts. Der Camino f√ľhrte immer weiter in W√§lder hinein. Teils wurde der Weg steiler und ich musste mit meinen Wanderst√∂cken aufpassen, dass ich den Halt nicht verliere. Statt Pilgern begegneten mir Menschen aus der Gegend. Familien und Frauen, die mit Hunden gassi gingen.Pl√∂tzlich setzte wieder der Regen ein. Furchtbar! Erneut musste ich das mittlerweile getrocknete Cape herausholen und √ľber meinen vom Regen gen√§ssten K√∂rper und Rucksack ziehen. Dann ging es weiter.

Auch beim Abstieg gab es zwischendurch Treppenstufen, die in den Kurven der Serpentinen Wanderer leiteten. Diese waren vom Regen nass – und schon war ich ausgerutscht. Zum Gl√ľck war ich vorsichtig gelaufen und konnte gleich wieder aufstehen und weiterlaufen. Allerdings f√ľhlte ich mich unwohl in der Regenpelle. Auf meiner Haut waren Regen und Schwei√ü zu einer klebrigen Fl√ľssigkeit vereint, au√üen der Regen, der das Cape an mich dr√ľckte, damit es auch m√∂glichst viel klebte. Dazu war es etwas schw√ľl. Kein sch√∂nes Gef√ľhl!

Ich rief noch einmal in der Pilgerherberge an, denn ich wollte nicht zum Campingplatz laufen. Das wäre nochmal eine lange Strecke gewesen. Am Telefon erfuhr ich, dass ich doch noch unterkommen könnte. Aber ein Zelt auf dem Anwesen Рnein, das kommt nicht in Frage.

Ich lief also weiter. Kilometer hatte ich noch vor mir und die lief ich einfach stur, ohne auf Schmerzen, Wetter oder das klebende Cape zu achten. Schlie√ülich kam ich um 19 Uhr in der Herberge an. Anja hatte mitbekommen, dass ich um diese Zeit ankomme, und wartete am Eingang auf mich. Sie f√ľhrte mich herum und zeigte mir das Pilgerzimmer, in dem auch ich schlafen durfte. M√∂glich wurde das, weil mehrere Pilger in einer Gruppe reisten und daher ohne Abstandsregeln n√§chtigen durften. So wurde etwas Platz frei, den ich nutzen konnte. Gl√ľck gehabt!

Den Abend verbrachten wir dann bei D√∂ner und Pizza und „feierten“, dass wir nun die halbe Dauer unseres Camino hinter uns gebracht haben. Ich habe heute 27,1 Kilometer geschafft, insgesamt also etwa 108 Kilometer vom Camino.

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