Der sechste Tag auf dem Camino

Der Tag begann mit einem netten kleinen Fr├╝hst├╝ck. Nichts Besonderes, aber es gab ein Fr├╝hst├╝cksei, das perfekt war: Eigelb weich, Eiweiss fest. Au├čerdem auch kleine Pflaumen, Aufschnitt und eine ganze Kanne Kaffee. Au├čer mir waren vier Monteure im Speiseraum. Ich lie├č mir nicht viel Zeit und schaffte es, p├╝nktlich um halb acht beim einzigen Supermarkt vor der T├╝r zu stehen und auf Einlass zu warten. P├╝nktlich mit dem Kirchengong ging die Jalousie hoch. Ich kaufte ├äpfel und Wasser, weil das Wasser in der Herberge sehr chemisch roch und ich meinen Trinkvorrat entsprechend nicht erneuert hatte.

Dann ging es weiter zu Anjas Unterkunft, dem „Zimmer am Weg“. Sie fr├╝hst├╝ckte, als ich ankam, und berichtete von einer Abk├╝rzung, die die Wirtin kennt und uns mitteilen wollte. Nein, nichts f├╝r mich, ich wollte gerne den ganzen Camino gehen. Also brach ich ohne Anja auf. An diesem Tag sollte es ├╝ber 30┬░C warm werden und die wollte ich nicht auf dem Camino erleben, sondern erst m├Âglichst nahe am Ziel.

Also lief ich schon um acht Uhr weiter. Wolken legten sich an die Bergh├Ąnge und h├╝llten sie ein. Sie l├Âsten sich langsam auf und lie├čen interessante Streifen zur├╝ck. Es sah alles sehr idyllisch aus. Die Luft war leider nicht so frisch wie gestern, aber trotzdem noch angenehm.

Es gab wieder zahlreiche Weinfelder zu sehen. Auch ein paar Brunnen tauchten auf, doch sie f├╝hrten kein Wasser.

Es ging unaufgeregt weiter. Ich schaffte etwa 5 km Weg in einer Stunde und kam noch am Vormittag in Klausen an. Klausen ist ein Wallfahrtsort mit einer Kirche im ├╝blichen Stil: Wei├če Steine, rot abgesetzt, mit dunklem Kirchendach. Ich entdeckte die Eberhardsklause, einen Dorfladen mit angebundener Herberge f├╝r Pilger. Der Laden ist sehr gut sortiert und ich kaufte etwas f├╝r die Hygiene und weiteres Wasser (das gleich aufgetrunken wurde). Mittlerweile wurde es doch etwas warm und ich war durstig geworden.

In der Eberhardsklause gab es sogar zwei Pilgerstempel. Neue Eintr├Ąge in meinem Pilgerpass

Gleich danach ging es weiter. Die Sonne hatte mittlerweile an Kraft gewonnen und sendete ihre Strahlen auf mich herab. Die Erfrischung wirkte noch und nach einem annehmbaren Aufstieg f├╝hrte der Weg in ein Waldgebiet. Der Schatten spendete willkommene Frische und ich konnte einfach weiterlaufen. Es folgten schlie├člich wieder sonnige Abschnitte, sogar ein Geocache in einem kleinen Waldst├╝ck, und ein weiterer, nicht funktionierender Brunnen an einer Raststelle, neben einer kleinen, liebevoll gepflegten Kapelle.

Nach einer kurzen Rast ging es schon weiter, immer auf die Bergspitzen. Die Panoramen, die sich vor mir ausbreiteten, waren atemberaubend. Die Mosel zog eine weitere Schleife und ├╝berall schmiegten sich die St├Ądte an ihren Lauf. Der Anblick war sch├Ân, aber die Sonne brannte mittlerweile im Zenit auf mich herunter. Ich lie├č mir wenig Zeit, denn ich wollte zur n├Ąchsten Pension kommen.

Bevor ich zu meinem Ziel Kl├╝sserath kam, musste ich wieder Weinfelder passieren. Die Muschel-Wegweiser f├╝hrten mich hindurch und ich probierte noch einmal Trauben. Sie waren hier zwar auch klein, aber schon viel s├╝├čer und damit genie├čbar.

Schlie├člich ging es deutlicher bergab und ich erreichte schon um 13 Uhr die Stadt. Sie erschien schmuckloser als die Orte zuvor und es fehlte auch an Touristen. Ein Dorf, dessen Bewohner sich vor der Sonne in den H├Ąusern sch├╝tzten und nicht in Erscheinung traten.

Es gibt hier eine Kirche, die sehr sch├Ân und aufwendig ausgestattet ist. Die Anzahl der Kirchb├Ąnke entspricht eher nicht der geringeren Zahl an B├╝rgern die hier leben, so meine Vermutung.

Es gibt zwei Pizzerien, ein wegen Corona geschlossenes Museum und einen gro├čen Campingplatz, der die Stadt auf Abstand h├Ąlt zur Mosel. Viele Dauercamper, nur wenige junge Menschen.

Am Abend sa├čen Anja, Josef, Anna und ich zusammen beim Italiener (ja, Vater und Tochter aus dem M├╝nsterland haben Namen) und speisten dort vorz├╝glich.

Sp├Ąter genossen wir noch einen Wein der Hauswirtin und lachten und erz├Ąhlten uns gegenseitig. Es war ein sch├Âner Tag, aber f├╝r meinen Geschmack zu wenig „Camino“. Kl├╝sserath war einmal mehr von Tourismus gepr├Ągt. Der B├╝rgermeister erz├Ąhlte Anja und mir, dass ein erneuter Versuch, einen Supermarkt mit regionalen Produkten zu er├Âffnen, nach nur anderthalb Jahren an den fehlenden Kunden scheiterte. Die B├╝rger fahren lieber in die umliegenden Orte und kaufen in den Superm├Ąrkten ein.

Jetzt, wo ich das schreibe, muss ich daran denken, wie oft ich im Internet Dinge bestelle, statt im ├Ârtlichen Handel nachzusehen. Der Preis bestimmt das ├ťberleben und nicht der Verstand. Das trifft mittlerweile auf so viele Dinge zu.

Das war mein sechster Tag auf dem Camino.

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